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Das Dutch Protocol

Das Dutch Protocol ist das medizinische Behandlungsmodell für Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen, das in den 1990er Jahren in Amsterdam entwickelt wurde. Es wurde weltweit als 'Goldstandard' ausgerollt, doch die wissenschaftlichen Fundamente sind schmaler, als lange dargestellt wurde. Seit 2020 wird das Protokoll international zunehmend verlassen oder eingeschränkt; in den Niederlanden selbst ist eine vergleichbare Neuorientierung bisher ausgeblieben.

Entstehung und Inhalt

Das Protokoll wurde vom Genderteam des VU medisch centrum (heute Amsterdam UMC) entwickelt, insbesondere von Peggy Cohen-Kettenis, Henriette Delemarre-van de Waal und später Annelou de Vries und Thomas Steensma. Es umfasst ein gestaffeltes Modell: psychologisches Screening, anschließend Pubertätsblocker um Tanner-Stadium 2-3, danach Geschlechtshormone ab etwa 16 Jahren und schließlich Chirurgie ab 18 Jahren.

Die ursprünglichen Selektionskriterien waren streng: frühe, lebenslange, anhaltende Dysphorie, keine schwere Komorbidität, stabiler familiärer Kontext und ein gutes psychologisches Funktionieren. Nur eine Minderheit der Anmeldungen erfüllte dies ursprünglich.

Die Originalstudien

Das Evidenzfundament stützt sich vor allem auf einige Studien der niederländischen Gruppe — insbesondere De Vries et al. (2011) und De Vries et al. (2014) — basierend auf einer Kohorte von nur 55 Jugendlichen. Wichtige methodische Einschränkungen:

  • Kleine, stark selektierte Gruppe: nicht repräsentativ für die heutigen Anmeldungen.
  • Keine Kontrollgruppe: es wurde nie mit Jugendlichen ohne medizinische Behandlung verglichen, eine Kausalität ist daher nicht feststellbar.
  • Hohe Drop-out-Rate und fehlende Daten: eine Teilnehmer:in starb bei der Operation; Daten zu Drop-outs fehlen weitgehend in der Analyse.
  • Kurze Nachbeobachtung: 1-2 Jahre nach der Operation, im Durchschnittsalter von Anfang 20.
  • Ergebnisparameter: psychometrische Skalen, die über die Zeit nicht einheitlich erhoben wurden; Ergebnisse zum Wohlbefinden waren weniger eindeutig als oft suggeriert.

Michael Biggs (Universität Oxford) hat zudem die britische Replikation des Dutch Protocol an der Tavistock-Klinik analysiert: Bei 44 Jugendlichen wurden im gleichen Zeitraum keine Verbesserungen bei psychologischen Ergebnisparametern gefunden. Diese Ergebnisse blieben jahrelang unveröffentlicht. Der Cass Review und SEGM haben diese 'failed replication' als Grund für Zurückhaltung dokumentiert.

Internationale Verbreitung

Ab 2007 wurde das Protokoll von WPATH und großen endokrinologischen Fachgesellschaften übernommen und weltweit ausgerollt. In der Praxis wurde es jedoch weit weiter angewandt als ursprünglich: Die strengen Selektionskriterien wurden aufgegeben, Komorbidität war keine Kontraindikation mehr, und die Population verlagerte sich von jungen Kindern mit früher Dysphorie zu Jugendlichen — vor allem Mädchen — mit späterem Onset, psychischer Komorbidität und intensiver Social-Media-Nutzung. Das ursprüngliche Protokoll war nicht für diese Gruppe konzipiert.

Internationale Kritik und politische Wende

Die wissenschaftliche Kritik am Protokoll hat seit 2018 stark zugenommen, unter anderem durch Stephen Levine, Michael Biggs, William Malone, Susan Bradley, James Cantor und Sallie Baxendale.

  • Cass Review (2024, VK): Systematische Übersichtsarbeit kam zum Ergebnis, dass die Evidenzbasis 'remarkably weak' sei, und empfahl äußerste Zurückhaltung bei Minderjährigen. Siehe Cass Review.
  • SBU (Schweden, 2022): Evidenz unzureichend; die routinemäßige Behandlung Minderjähriger wurde beendet.
  • COHERE (Finnland, 2020): Psychotherapie als erste Wahl, Hormone nur in strikten Ausnahmefällen.
  • Sundhedsstyrelsen (Dänemark, 2023): deutliche Einschränkung.
  • Helsedirektoratet (Norwegen, 2023): stufte Pubertätsblocker und Hormone für Minderjährige als experimentell ein.
  • WPATH Files (2024): Geleakte interne Dokumente zeigten, dass auch innerhalb von WPATH selbst anerkannt wurde, dass informierte Einwilligung bei Minderjährigen schwierig ist und dass schädliche Folgen bekannt waren.

Situation in den Niederlanden

Das Amsterdam UMC und das Radboudumc arbeiten weiterhin mit Varianten des Dutch Protocol. Eine formelle Neubewertung vergleichbar mit den britischen oder skandinavischen Evaluationen ist in den Niederlanden nicht veröffentlicht worden. Allerdings wächst die Zahl kritischer Stimmen aus der medizinischen Welt (siehe das Nederlands Tijdschrift voor Geneeskunde), und es wird darauf hingewiesen, dass die Niederlande nun aus der Reihe ihrer Nachbarländer ausscheren.

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