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Genderversorgung in Australien

Australien galt lange Zeit, zusammen mit den Niederlanden, als eines der ausgesprochen gender-affirmativen Länder in der pädiatrischen Genderversorgung. Seit 2024 wandelt sich dieses Bild. Queensland setzte 2025 neue Überweisungen für Pubertätsblocker und Hormone bei Minderjährigen aus, bis ein nationaler Review abgeschlossen ist. Der Gesundheitsdienst von New South Wales hat eine eigene Evaluierung angekündigt, und das Australian Government Department of Health begann Ende 2024 mit einem nationalen Review unter Leitung des National Health and Medical Research Council (NHMRC). Der Cass Review hat damit auch in Australien deutlich Widerhall gefunden.

Historischer Kontext: Family Court-Rechtsprechung

Bis 2013 war in Australien eine gerichtliche Genehmigung sowohl für Pubertätsblocker ('Stage 1') als auch für gegengeschlechtliche Hormone ('Stage 2') bei Minderjährigen erforderlich — ein einzigartiges System, das aus dem Fall Re Jamie hervorging. Im Jahr 2017 entschied der Full Court of the Family Court in Re Kelvin, dass eine gerichtliche Genehmigung für gegengeschlechtliche Hormone nicht mehr erforderlich ist, wenn Jugendlicher, Eltern und Behandelnde einig sind. Das vereinfachte den Verlauf und führte zu einem starken Anstieg der Überweisungen.

Royal Children's Hospital Melbourne

Das Royal Children's Hospital (RCH) in Melbourne entwickelte die Australian Standards of Care and Treatment Guidelines for Trans and Gender Diverse Children and Adolescents (2018) und war jahrelang tonangebend. Die RCH-Richtlinie nimmt das gender-affirmative Modell ausdrücklich an und wird von vielen australischen Kliniken befolgt. Seit 2023 steht die Richtlinie jedoch unter Druck: Kritiker innerhalb Australiens weisen darauf hin, dass der RCH-Ansatz im Widerspruch zur nordeuropäischen Neuausrichtung und zu den Befunden des Cass Review steht.

Der Kurswechsel in Queensland (2025)

Queensland Health veröffentlichte 2024 die Ergebnisse einer internen Evaluierung des Queensland Children's Gender Service in Brisbane. Die Evaluierung war kritisch: Diagnostische Standards wurden nicht konsequent angewendet, komorbide Problematik wurde unzureichend untersucht und das Verfahren der informierten Einwilligung wies Mängel auf. Anfang 2025 setzte der Bundesstaat Queensland neue Überweisungen für Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormone bei Minderjährigen aus, bis ein nationaler Review abgeschlossen ist. Damit ist Queensland der erste australische Bundesstaat, der die Cass-Empfehlungen faktisch übernimmt.

Andere Bundesstaaten

Wie in den USA gibt es auch in Australien erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesstaaten. New South Wales kündigte 2024 einen eigenen Review seiner pädiatrischen Genderversorgung an. Südaustralien hat einschränkende Maßnahmen ergriffen. Victoria und die Hauptstadt Canberra (ACT) folgen vorerst dem älteren RCH-Modell mit breit zugänglicher gender-affirmativer Versorgung.

Nationaler Review (NHMRC, 2024-)

Die australische Bundesregierung kündigte Ende 2024 eine nationale Evaluierung über den National Health and Medical Research Council an. Der NHMRC arbeitet an neuen nationalen Richtlinien für die pädiatrische Genderversorgung, mit Beiträgen aus systematischen Evidenzbewertungen und Konsultationen von Patienten, Eltern, Klinikern und Detransitionierenden. Das Ergebnis wird 2026 erwartet und wird voraussichtlich die alte RCH-Richtlinie ersetzen.

Kritische Stimmen aus der australischen Berufsgruppe

Eine wachsende Zahl australischer Kinderärzte, Psychiater und Endokrinologen — unter anderem zusammengeschlossen in der Society for Evidence-based Gender Medicine (SEGM) und der National Association of Practising Psychiatrists — hat sich öffentlich für einen vorsichtigeren, evidenzbasierten Ansatz ausgesprochen. Das Royal Australian and New Zealand College of Psychiatrists (RANZCP) veröffentlichte 2021 ein Statement, in dem Zurückhaltung und die Notwendigkeit umfassender Differentialdiagnostik betont wurden — eine bemerkenswert abweichende Position von der affirmativen Hauptlinie anderer australischer Berufsorganisationen.