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Gendervariant
„Gendervariant“ bezeichnet Verhalten, Ausdruck oder Vorlieben, die von den gängigen Erwartungen an das eigene Geschlecht abweichen – etwa ein Junge, der lieber mit Puppen spielt und Kleider trägt, oder ein Mädchen, das sich nie feminin präsentiert. Der Begriff wird vor allem in der Forschung und in der Kinderpsychologie verwendet.
Was ist damit gemeint?
Gendervariantes Verhalten bei Kindern gibt es zu allen Zeiten und ist relativ häufig. Manche Kinder wachsen aus gendervariantem Verhalten heraus, andere werden zu gendervarianten Erwachsenen, und eine kleine Minderheit entwickelt eine anhaltende Geschlechtsdysphorie. Der Begriff ist breiter als Transgender oder nicht-binär: Ein gendervariantes Kind muss keine vom Geburtsgeschlecht abweichende Geschlechtsidentität beanspruchen.
Abgrenzung und Überschneidung
Gendervariant beschreibt Verhalten und Ausdruck, nicht Identität. Ein gendervariantes Mädchen (zum Beispiel ein „Tomboy“) ist kein Transgender-Junge, sofern es sich nicht auch als Junge identifiziert. Bei Kindern ist diese Unterscheidung wesentlich: Gendervariantes Verhalten mit Geschlechtsdysphorie zu verwechseln, hat praktische Folgen für die Abwägung medizinischer Eingriffe.
Gesellschaftlicher und praktischer Kontext
Forschung (Steensma u. a., 2013; Singh u. a., 2021) zeigt, dass die Mehrheit gendervarianter Kinder – selbst mit klinischer Dysphorie – zu cisgender (oft homosexuellen) Erwachsenen heranwächst, wenn keine soziale oder medizinische Transition stattfindet. Das steht in scharfem Kontrast zu Zahlen aus jüngeren westlichen Genderambulanzen bei sozialer oder medizinischer Transition, wo die Persistenz deutlich höher ausfällt. Dieser Unterschied hat unmittelbare Folgen für die Politik in Bezug auf Pubertätsblocker und soziale Transition bei Kindern.
Kritische Perspektiven
Die in Teilen des heutigen Diskurses implizit gemachte Gleichsetzung „gendervariantes Kind = Transgender“ hat keine wissenschaftliche Grundlage. Die meisten gendervarianten Kinder sind keine künftigen Trans-Erwachsenen. Die Unterstützung des Kindes in seinem Ausdruck ohne voreilige Identitätszuschreibungen oder medizinische Schritte ist das, was die verfügbare Forschung in der Regel empfiehlt.
Quellen
- Steensma, T.D., McGuire, J.K., Kreukels, B.P., Beekman, A.J., Cohen-Kettenis, P.T. (2013). „Factors associated with desistence and persistence of childhood gender dysphoria.“ Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 52(6). Text
- Singh, D., Bradley, S.J., Zucker, K.J. (2021). „A follow-up study of boys with gender identity disorder.“ Frontiers in Psychiatry, 12. DOI
- Cass, Hilary (2024). Independent Review of Gender Identity Services for Children and Young People. NHS England. Text
- Zucker, K.J., Bradley, S.J. (1995). Gender Identity Disorder and Psychosexual Problems in Children and Adolescents. Guilford Press.