Genderqueer
'Genderqueer' ist ein Sammelbegriff für Menschen, die sich außerhalb oder gegenüber der Zweiteilung Mann/Frau verorten. Das Wort stammt aus dem englischsprachigen Queer-Aktivismus der 1990er Jahre und galt lange als das wichtigste Oberlabel für das, was heute eher non-binär heißt.
Was ist damit gemeint?
Wer sich Genderqueer nennt, lehnt die gängige Mann/Frau-Kategorisierung ab — als Selbstbeschreibung, als politische Position oder beides. Das Label ist absichtlich unscharf: 'queer' verweist hier auf bewusstes Quersein oder Außerhalbstehen der Norm. Das unterscheidet Genderqueer von strenger abgegrenzten Begriffen wie agender oder bigender und platziert es eher näher an einer kulturellen Haltung als an einer abgegrenzten Identität.
Unterscheidung und Überlappung
In der Praxis überlappt Genderqueer stark mit non-binär. Das englische 'non-binary' wurde ab etwa 2010 populär und hat 'Genderqueer' weitgehend verdrängt, vor allem bei jüngeren Generationen. Wer den Begriff Genderqueer verwendet, wählt manchmal bewusst das ältere, politisch geladene Wort und suggeriert damit eine Verbindung mit der Queer-Theorie, wie sie von Autoren wie Judith Butler ausgearbeitet wurde.
Gesellschaftlicher und praktischer Kontext
'Genderqueer' erscheint auf formellen Dokumenten selten als Option. In den Niederlanden kennt die Registrierung nur Mann/Frau und bei intergeschlechtlichen Bedingungen sehr selten 'X'. Pronomen bei Genderqueer-Personen variieren stark: 'die/hen', 'er', 'sie' oder keine Präferenz. Das Transgendergesetz kennt keine eigene Genderqueer-Registrierung.
Kritische Perspektiven
Genderqueer entstand innerhalb einer akademischen Tradition, die ausdrücklich 'queeren' wollte — verfremden, entordnen, problematisieren. Kritiker weisen auf eine auffällige Spannung hin: Wo die alte Queer-Theorie Gender als sozial konstruiert betrachtete, verschiebt sich der heutige Identitätsdiskurs zu Gender als innerer Essenz. Das ist ein erheblicher Kurswechsel, der selten ausdrücklich benannt wird. Außerdem gilt auch hier: Das biologische Geschlecht ist eine eigene Kategorie, die durch Selbstbeschreibung nicht aufgehoben wird.
Quellen
- Nestle, J., Howell, C., Wilchins, R. (2002). GenderQueer: Voices from Beyond the Sexual Binary. Alyson Books.
- Bornstein, Kate (1994). Gender Outlaw: On Men, Women, and the Rest of Us. Routledge.
- Butler, Judith (1990). Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. Routledge.
- Wilchins, Riki Anne (1997). Read My Lips: Sexual Subversion and the End of Gender. Firebrand Books.
- Richards, C. et al. (2016). "Non-binary or genderqueer genders." International Review of Psychiatry, 28(1). DOI
- Stock, Kathleen (2021). Material Girls. Fleet.