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Agender
'Agender' ist ein selbstgewähltes Label, das anzeigt, dass jemand das persönliche Gefühl von 'Gender' als abwesend oder nicht zutreffend erlebt. Die griechische Vorsilbe 'a-' bedeutet 'ohne'. Agender wird gewöhnlich unter den weiteren Begriff nicht-binär gefasst, auch wenn manche, die das Label verwenden, sich lieber als 'außerhalb' des gesamten Genderschemas verstehen.
Was ist damit gemeint?
Menschen, die sich agender nennen, beschreiben ihr Erleben als 'Genderlosigkeit' oder als ständige Neutralität. Für die eine geht es um eine völlige Abwesenheit eines Gefühls von Männlichkeit oder Weiblichkeit, für den anderen um Gleichgültigkeit gegenüber dem gesamten Konzept Gender. Das Erleben ist per definitionem subjektiv und nicht objektiv messbar.
Eine kritische Beobachtung: Agender wird mitunter als 'Identität' präsentiert, während es faktisch eher eine Ablehnung des Konzepts Genderidentität selbst ist. Wer sagt 'ich habe kein Gender', behauptet in gewisser Weise genau das, was die meisten Menschen historisch dachten — nämlich dass 'inneres Gender' keine eigenständige Eigenschaft sei. Das ist ein interessanter Ausgangspunkt, und es untergräbt zugleich die Annahme, dass jeder ein solches inneres Gender habe.
Unterscheidung und Überschneidung
Agender wird mitunter als Synonym für genderneutral oder neutrois verwendet, doch die Begriffe decken sich nicht genau. Neutrois betont eine 'neutrale' Körperpräsentation; agender beschreibt eher die Abwesenheit eines inneren Gendergefühls. Verwandt sind auch Aporagender und Maverique, die gerade ein autonomes Gendergefühl jenseits von Mann/Frau beschreiben. Was jemand mit agender genau meint, ist stark personenabhängig. Es gibt keine klinische Definition.
Gesellschaftliche und praktische Aspekte
In den meisten sozialen und institutionellen Kontexten wird angenommen, dass Menschen Mann oder Frau sind — was im Tatsächlichen meist stimmt, weil das körperliche Geschlecht binär ist. Für Menschen, die sich selbst als agender bezeichnen, kann sich das unangenehm anfühlen. Das Transgendergesetz von 2023 sieht keine 'genderlose' Eintragung vor. Manche agender Personen lassen ihre Eintragung stehen, weil keine der verfügbaren Optionen ihrem Erleben entspricht.
Kritische Perspektiven
Ob 'Abwesenheit von Gender' an sich eine Identität sei, ist ein konzeptuell strittiger Punkt. Feministische und gender-kritische Denker:innen weisen darauf hin, dass viele Menschen — zu allen Zeiten — sich nie besonders 'gegendert' empfunden haben; dass dies heute als seltenes Label präsentiert wird, legt nahe, dass das Label vor allem innerhalb eines spezifischen heutigen Diskurses funktioniert. Das leugnet nicht, dass das Erleben für die Person selbst real ist, relativiert aber den Anspruch, es handle sich um eine eigene Kategorie innerhalb 'des Genderspektrums'.
Siehe auch
Quellen
- Richards, C. et al. (2016). "Non-binary or genderqueer genders." International Review of Psychiatry, 28(1), 95-102. DOI
- Beischel, W.J., Gauvin, S.E.M., van Anders, S.M. (2022). "'A little shiny gender breakthrough': Community understandings of gender euphoria." International Journal of Transgender Health, 23(3). DOI
- Stock, Kathleen (2021). Material Girls: Why Reality Matters for Feminism. Fleet.
- Coleman, E. et al. (2022). WPATH SOC-8, Kapitel über nicht-binäre Identitäten. DOI