Startseite › Begriffe › Cisgender
Cisgender
'Cisgender' — oft zu 'cis' abgekürzt — ist ein Begriff aus den Gender Studies, der für Menschen verwendet wird, bei denen die selbstberichtete 'Genderidentität' mit dem bei der Geburt wahrgenommenen Geschlecht übereinstimmt. Es ist ein umstrittener Begriff: Kritiker:innen weisen darauf hin, dass er voraussetzt, was er zu beschreiben behauptet — nämlich dass jeder eine 'Genderidentität' habe, unabhängig vom Körper.
Herkunft und Etymologie
Die Vorsilbe 'cis-' stammt aus dem Lateinischen und bedeutet 'diesseits von', im Gegensatz zu 'trans-' ('jenseits von'). Der Begriff wurde in den Gender Studies ab den 1990er Jahren als Gegenstück zu 'transgender' aufgebaut. Die ersten Belege finden sich bei Volkmar Sigusch (1991, deutschsprachig) und Carl Buijs/Dana Defosse (1990er, englischsprachig). In der Chemie werden cis und trans schon länger zur Beschreibung molekularer Strukturen verwendet; die Übertragung auf Menschen ist eine Metapher, die in der akademischen und aktivistischen Literatur breit aufgenommen wurde.
Ein umstrittener Begriff
Der Begriff cis ist nicht neutral. Er setzt den breiteren Rahmen der 'Genderidentitäts-Theorie' voraus: die Annahme, dass jeder Mensch ein inneres 'Gender' habe, das zufällig mit dem Körper übereinstimmt oder nicht. Für jene, die dieses theoretische Gebäude nicht teilen — etwa weil 'Mann' und 'Frau' schlicht Wörter für die beiden biologischen Geschlechter sind —, ist 'cisgender' ein unnötiger und sogar irreführender Zusatz: Man ist einfach Mann oder Frau, nicht 'cis' irgendwas.
Die feministische Autorin Kathleen Stock (Material Girls, 2021) und andere weisen darauf hin, dass das einheitliche Anlegen des Labels 'cis' an alle, die nicht trans sind, Menschen implizit auf einen umstrittenen ideologischen Rahmen festlegt. Viele Frauen wenden sich dagegen, 'cis-Frau' genannt zu werden, weil der Zusatz suggeriert, dass 'Frau' nicht länger schlicht eine körperliche Kategorie bezeichne, sondern nur eines der möglichen 'Gender'. Das hat praktische Folgen für auf der Sexe basierende Rechte und Einrichtungen.
Cis-Privileg?
In aktivistischen und akademischen Kreisen wird mitunter von 'Cis-Privileg' gesprochen: dem vermeintlichen Vorteil, dass Menschen, die sich nicht als transgender identifizieren, weder Dysphorie noch Transition durchstehen müssen. Kritiker:innen setzen wichtige Bedenken dagegen. Erstens impliziert der Begriff, dass 'normal sein' (Körper und Selbstbild stimmen überein) eine Form von Bevorzugung sei — eine Rahmung, die der Tatsache widerspricht, dass dies für die überwiegende Mehrheit der Menschen schlicht die menschliche Verfassung ist. Zweitens leugnet das Konzept, dass auch 'cis' Menschen — und insbesondere Frauen, lesbische Frauen, Jungen mit unkonventionellen Interessen — unter strengen Gendernormen leiden können.
Wie verwendet man den Begriff?
Wer den Voraussetzungen der 'Genderidentitäts-Theorie' zustimmen kann, kann den Begriff cisgender als beschreibende Bezeichnung verwenden. Wer diese Voraussetzungen nicht teilt, ist nicht verpflichtet, sich selbst so zu nennen — ebenso wenig wie man jedes theoretische Label, das andere für einen erfinden, akzeptieren muss. In den niederländischen Medien gibt es zu genau diesem Punkt eine wiederkehrende Debatte.
Verwandte Begriffe aus dem Transgender-Spektrum
Der Begriff cisgender steht direkt im Kontrast zu transgender. Bei Transgender-Personen wird weiter nach Transitionsrichtung unterschieden: transmaskulin und FtM (von Frau zu Mann), transfeminin und MtF (von Mann zu Frau). Für das Geburtsgeschlecht werden die Abkürzungen AMAB und AFAB verwendet.
Siehe auch
Quellen
- Aultman, B. (2014). "Cisgender." TSQ: Transgender Studies Quarterly, 1(1-2), 61-62. DOI
- Stock, Kathleen (2021). Material Girls: Why Reality Matters for Feminism. Fleet.
- Sigusch, Volkmar (1991). "Die Transsexuellen und unser nosomorpher Blick." Zeitschrift für Sexualforschung, 4(3-4).
- Serano, Julia (2007). Whipping Girl. Seal Press. (führt 'cissexual' / 'cisgender' in feministischen Kontext ein)
- Joyce, Helen (2021). Trans: When Ideology Meets Reality. Oneworld.