Littman, L. (2018) — Rapid-Onset Gender Dysphoria (PLOS ONE)
Im August 2018 veröffentlichte die Ärztin und Forscherin Lisa Littman in der Zeitschrift PLOS ONE den Artikel Parent reports of adolescents and young adults perceived to show signs of a rapid onset of gender dysphoria. Es handelt sich um die Studie, durch die der Begriff Rapid-Onset-Geschlechtsdysphorie bekannt wurde.
Littman verbreitete einen Online-Fragebogen mit 90 Fragen über drei Websites, auf denen sich Eltern zu diesem Thema austauschten. Sie analysierte 256 ausgefüllte Fragebögen von Eltern, deren Kind während oder nach der Pubertät scheinbar plötzlich eine Geschlechtsdysphorie entwickelte.
Wichtigste Punkte
Die beschriebenen Jugendlichen waren durchschnittlich 16,4 Jahre alt; bei 82,8 Prozent war bei der Geburt das weibliche Geschlecht eingetragen worden. Nach Angaben der Eltern hatten 62,5 Prozent zuvor bereits eine psychische Diagnose erhalten. Bei 86,7 Prozent trat die Dysphorie gemeinsam mit einer intensiveren Nutzung sozialer Medien, mit Freunden, die sich als transgender identifizierten, oder mit beidem auf. Littman stellt die Ergebnisse als Hypothesen über sozialen Einfluss und Bewältigungsmechanismen dar und plädiert für weitere Forschung mit Jugendlichen, Eltern und Behandelnden.
Aufbau und Teilnehmende
Der Fragebogen war vom 29. Juni bis zum 12. Oktober 2016 zugänglich. Die drei Websites waren 4thWaveNow, Transgender Trend und Youth Trans Critical Professionals. Von den antwortenden Eltern waren 91,7 Prozent Frauen und 66,1 Prozent zwischen 45 und 60 Jahre alt. Mehr als 70 Prozent hatten einen Bachelorabschluss oder eine höhere Qualifikation, und 71,7 Prozent lebten in den Vereinigten Staaten. Die ethische Prüfung erfolgte an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai. Littman gibt an, für die Studie keine spezifische Finanzierung erhalten zu haben. Mehr über die Forscherin steht bei Lisa Littman.
Weitere Ergebnisse
Nach Angaben von 80,9 Prozent der Eltern kam die Mitteilung ihres Kindes unerwartet. Bei 80,4 Prozent hatte es laut DSM-5 in der Kindheit keine Anzeichen einer Geschlechtsdysphorie gegeben. Nach der Mitteilung verschlechterte sich nach Einschätzung von 47,2 Prozent der Eltern das psychische Wohlbefinden, und bei 57,3 Prozent verschlechterte sich die Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Die Korrektur und die Kritik
PLOS ONE kündigte innerhalb von zwei Wochen nach der Veröffentlichung eine erneute Prüfung der Methode und der Analysen an. In der korrigierten Fassung vom 19. März 2019 wurden Titel, Zusammenfassung, Einleitung, Diskussion und Schlussfolgerung angepasst, während die Ergebnisse unverändert blieben. Seitdem wird im Text ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Bericht Hypothesen entwickelt und das Phänomen nicht bestätigt. Der Berufsverband WPATH erklärte im September 2018, dass der Begriff von keinem Berufsverband anerkannt werde. Eine ausführlichere Besprechung steht im Artikel über die Studie von Littman.
Warum in diesem Archiv
Die Studie basiert ausschließlich auf den Angaben von Eltern und ist umstritten. PLOS ONE veröffentlichte im März 2019 eine Korrektur zu dem Artikel. In der Zeitleiste dieser Website ist die Veröffentlichung unter Littman veröffentlicht ROGD-Paper aufgeführt. Sie bleibt eine häufig zitierte Quelle in der Debatte über Jugendliche und Geschlechtsdysphorie.