Demimädchen

„Demimädchen“ (Englisch: „demigirl“ oder „demiwoman“) ist ein nichtbinäres Label für eine Person, die sich teilweise, aber nicht vollständig, mit „Mädchen“ oder „Frau“ identifiziert. Es ist das feminine Gegenstück zu Demiboy und eine Spezifizierung innerhalb der Kategorie Demi-Gender.
Wie das Label entstand
Der Begriff „demigirl“ stand bereits im Oktober 2011 im Glossar des Tumblr-Blogs Genderqueerid und verbreitete sich in den folgenden Jahren, in einer Zeit, in der sich Mikrolabels für Geschlechtsidentitäten rasant vervielfachten. Die niederländische Übersetzung „demimeisje“ entstand über Übersetzungsgemeinschaften. Das Label ist also relativ jung und existiert größtenteils in Online-Sphären; in der formalen psychologischen Literatur oder klinischen Diagnostik spielt es keine Rolle.
Was die Bezeichnung aussagt
Wer sich als Demimädchen bezeichnet, signalisiert: Ich identifiziere mich teilweise mit „Mädchen“ oder „Frau“, aber nicht vollständig. Was „teilweise“ bedeutet, bleibt subjektiv. Manche berichten von einer wechselnden Erfahrung zwischen Weiblichkeit und Nicht-Weiblichkeit. Andere empfinden konstant eine „mäßige“ Weiblichkeit. Das Label erfasst etwas, das in der üblichen Gender-Terminologie fehlt – auch wenn es eher um Selbstbeschreibung als um eine objektiv messbare Kategorie geht.
Wie es sich zu anderen Labels verhält
Demimädchen ist eines von Dutzenden Mikrolabels, die zwischen 2010 und 2020 online entstanden; der Überblick wie viele Geschlechter es gibt führt sie auf. Verwandte Begriffe – Genderfae, Genderfluid, Demi-Gender – überschneiden sich erheblich. Außenstehende unterscheiden sie nur selten; innerhalb der Communities, die das Label verwenden, kann der Unterschied jedoch sehr wichtig sein.
Gesellschaftlicher Status
„Demimädchen“ erscheint nicht auf offiziellen Dokumenten. Das niederländische Melderegister, Reisepässe und medizinische Unterlagen kennen kein Feld für teilweise Identifikation. Arbeitgeber und Bildungseinrichtungen passen ihre Richtlinien nur selten an eine solche Differenzierung an. Außerhalb von Online-Communities wird der Begriff nur selten aktiv erkannt; im Alltag greift die betreffende Person auf „sie“, „they/deren“ oder eine Kombination zurück.
Kritische Perspektiven
Methodisch ist „teilweise Weiblichkeit“ schwer zu fassen. Identität lässt sich nur schwer als Prozentsatz oder Größe fraktionieren. Aus Sicht der kognitiven Psychologie funktioniert das Label vor allem als Selbstbeschreibung – als Hilfsmittel, um die eigenen Erfahrungen zu ordnen. Ob es auch eine eigenständige Kategorie innerhalb eines breiteren Geschlechterspektrums bildet, ist konzeptionell eine offene Frage.
Für die betreffende Person ist das Label sinnvoll, weil es etwas benennt, das sonst sprachlos bliebe. Für Institutionen – Gesundheitswesen, Bildung, Behörden – ist die Inflation an Mikrolabels schwierig: Jeder Versuch, alle Labels zu berücksichtigen, führt zu einem unhandhabbaren Feld, während die Nichtberücksichtigung als Ablehnung empfunden wird. Die praktische Lösung ist meist der kleinste gemeinsame Nenner: den gewünschten Namen und die gewünschten Pronomen zu verwenden (siehe geschlechterneutrale Sprache). Eine weitergehende institutionelle Anerkennung bleibt außer Reichweite.
Historischer Kontext
Vergleichbare Selbstbeschreibungen gibt es in anderen Kulturen und Epochen, oft ohne das Tumblr-spezifische Vokabular. Soziologische Forschung (Vincent, 2020) weist auf ein allgemein menschliches Muster hin: Menschen erleben ihr Geschlecht nicht immer als monolithisch. Die Frage ist nicht, ob diese Erfahrung existiert, sondern welche gesellschaftlichen Implikationen damit verbunden werden sollten.
Was ist damit gemeint?
Ein Demimädchen erlebt ein teilweise weibliches Geschlechtsgefühl, oft verbunden mit einer zweiten Komponente (Agender, fluide oder nicht näher bestimmt). Die betreffende Person kann sowohl AFAB (bei der Geburt weiblich zugewiesen) als auch AMAB (bei der Geburt männlich zugewiesen) sein; das Label sagt etwas über die Identifikation aus, nicht über die Biologie.
Abgrenzung und Überschneidung
Demimädchen überschneidet sich mit Genderfae (fluide innerhalb des weiblichen Spektrums) und mit einigen Varianten von Genderfluid. Anders als bei Genderfluid ist bei Demimädchen die feminine Verankerung stets vorhanden, wenn auch nur teilweise.
Gesellschaftlicher und praktischer Kontext
Demimädchen erscheint nicht auf offiziellen Dokumenten. Als Pronomen werden häufig „sie“, manchmal „they/deren“ oder eine Kombination verwendet. Außerhalb von Online-Communities wird der Begriff nur selten aktiv erkannt.
Kritische Perspektiven
Die Frage, was „teilweise Frau“ genau bedeutet, ist konzeptionell schwierig: Ein Geschlechtsgefühl lässt sich nur schwer in Bruchteilen messen oder vergleichen. Die feinen Mikrolabels in diesem Bereich erfüllen vor allem das soziale Bedürfnis nach Präzisierung innerhalb bestimmter Online-Communities. Für die betreffende Person kann sich das Label sinnvoll anfühlen; dadurch wird es nicht automatisch zu einer klar abgegrenzten Kategorie innerhalb eines breiteren Geschlechterspektrums.
Quellen
- Richards, C. et al. (2016). "Non-binary or genderqueer genders." International Review of Psychiatry, 28(1). DOI
- Vincent, B. (2020). Non-Binary Genders. Policy Press.
- Tumblr-archieven (2011 tot 2014): vroege publicaties van 'demigirl'.