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Gehirne und Gender

Zwei MRT-Schnittbilder des Gehirns
Foto: JS 95, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Behauptung, Transpersonen hätten „ein Gehirn im falschen Körper“ – also ein Frauengehirn in einem Männerkörper oder umgekehrt –, wird in der öffentlichen Kommunikation regelmäßig verwendet, um Transidentität als angeboren und biologisch zu präsentieren. Die verfügbaren neurowissenschaftlichen Erkenntnisse sind jedoch deutlich schwächer und mehrdeutiger, als diese Gewissheit suggeriert. Der aktuelle Stand: Es gibt keine eindeutigen neurowissenschaftlichen Belege für ein angeborenes „Transgehirn“.

Die klassischen Studien und ihre Einschränkungen

Viel zitierte postmortale Gehirnstudien (Zhou et al. 1995, Kruijver et al. 2000) berichteten, dass der Bed nucleus der Stria terminalis (BSTc) bei Transfrauen eher dem von cisgeschlechtlichen Frauen ähneln soll. Die Stichproben waren jedoch klein (oft weniger als zehn Teilnehmende), die meisten Teilnehmenden hatten jahrelang gegengeschlechtliche Hormone verwendet, und die untersuchten Hirnregionen reifen erst im Erwachsenenalter vollständig aus – was direkte Schlussfolgerungen über „angeborene“ Unterschiede infrage stellt. Replikationsversuche liefern uneinheitliche Ergebnisse. Was Gehirnscans bei Transpersonen zeigen und was nicht, wird auf transgenderidentiteit.nl erläutert.

Hormone verändern das Gehirn

Das ist methodisch das Kernproblem. Gegengeschlechtliche Hormone verursachen nachweisbare strukturelle und funktionelle Veränderungen im erwachsenen Gehirn. Bei Transpersonen, die vor einer Untersuchung über Jahre Östrogene oder Testosteron verwenden, ist es faktisch unmöglich festzustellen, ob beobachtete Unterschiede Ursache oder Folge der Hormonbehandlung sind. Studien mit hormonnaiven Teilnehmenden sind selten, klein angelegt und methodisch schwach.

Kein einheitliches „Gehirn-Geschlechts“-Bild

Das umfassendere Forschungsfeld der Geschlechtsunterschiede im Gehirn ist selbst umstritten. Joel et al. (2015) argumentierten, dass die meisten menschlichen Gehirne ein „Mosaik“ aus sogenannten männlichen und weiblichen Merkmalen sind und dass es kein eindeutig dimorphes „Männergehirn“ und „Frauengehirn“ gibt. Wenn binäre Gehirngeschlechter schon grundsätzlich nicht existieren, wird die Behauptung, Transpersonen hätten „das Gehirn des anderen Geschlechts“, konzeptionell problematisch.

Genetische und pränatale Hinweise – begrenzt

Zwillingsstudien weisen auf eine bescheidene erbliche Komponente bei Geschlechtsdysphorie hin, aber die Konkordanz bei eineiigen Zwillingen liegt bei Weitem nicht bei 100 % – was bedeutet, dass Umweltfaktoren eine erhebliche Rolle spielen. Studien zur pränatalen Androgenexposition (etwa bei kongenitaler adrenaler Hyperplasie) zeigen einen Einfluss auf geschlechtsbezogenes Verhalten, doch das ist etwas anderes als eine spezifische „Geschlechtsidentität“: Die Mehrheit der Mädchen mit CAH entwickelt keine Transidentität. Siehe auch Genetik und Gender.

Der plötzliche demografische Wandel schließt eine rein biologische Erklärung aus

Eine schlüssige biologische Erklärung für Geschlechtsidentität müsste auch erklären, warum sich die Zahl junger Menschen, die sich seit 2010 als trans oder nichtbinär identifizieren, verzehn- bis verzwanzigfacht hat und sich das Geschlechterverhältnis umgekehrt hat. Gehirnstrukturen verändern sich nicht in einem solchen Zeitraum. Die sozio-kulturellen und mediengetriebenen Faktoren, die für diesen Anstieg angeführt werden, stehen im Spannungsverhältnis zu einer starken biologischen Theorie.

Wissenschaftliche Vorsicht ist angebracht

Fazit: Es gibt faszinierende neurobiologische Hinweise, aber keine eindeutigen Belege für ein angeborenes „Transgehirn“. Die entschiedene Kommunikation zu diesem Thema in Patientenbroschüren, auf aktivistischen Websites und in Publikumsmedien steht nicht im Einklang mit dem tatsächlichen Stand der Forschung. Die Neurowissenschaft sollte nicht zur Legitimation irreversibler medizinischer Eingriffe bei Minderjährigen eingesetzt werden, solange die Beweislage schwach und methodisch problematisch ist.