1979
Erste Standards of Care; Johns Hopkins stellt Operationen ein

Das Jahr 1979 brachte zwei gegensätzliche Entwicklungen. Behandelnde aus verschiedenen Ländern gründeten einen Berufsverband und legten erstmals fest, welchen Anforderungen die Versorgung genügen sollte. Gleichzeitig stellte die Klinik, in der die Behandlung in den Vereinigten Staaten begonnen hatte, ihre Operationen ein.
Die ersten Standards of Care
Im Februar 1979 verabschiedeten die Teilnehmer eines internationalen Symposiums in San Diego die ersten Standards of Care. Die Verfasser schlossen sich in der Harry Benjamin International Gender Dysphoria Association zusammen, die nach Harry Benjamin benannt wurde. Die Leitlinie stellte Bedingungen für Hormonbehandlungen und Operationen auf, darunter Stellungnahmen von Verhaltenswissenschaftlern und eine Zeit, in der die Patientin oder der Patient bereits in der gewünschten Rolle lebte. Ein Jahr später wurde Transsexualität in das Handbuch für psychiatrische Diagnosen aufgenommen; siehe DSM-III von 1980.
Die Studie von Meyer und Reter
Im August 1979 veröffentlichten der Psychiater Jon Meyer und Donna Reter von Johns Hopkins eine Folgestudie mit fünfzig Patienten. Sie verglichen Menschen, die operiert worden waren, mit solchen, die nicht operiert worden waren. Ihr Fazit war, dass die Operation keinen nachweisbaren Vorteil für die soziale Funktionsfähigkeit brachte.
Das Ende der Klinik in Baltimore
Kurz darauf stellte Johns Hopkins geschlechtsangleichende Operationen ein. Paul McHugh, Leiter der psychiatrischen Abteilung, war ein entschiedener Gegner der Behandlung. Die Studie stieß auf viel Kritik, unter anderem wegen der Art und Weise, wie die Funktionsfähigkeit gemessen wurde. In den folgenden Jahren schlossen auch andere amerikanische Universitätskliniken; die Versorgung verlagerte sich in private Praxen. Johns Hopkins nahm die Behandlung erst 2017 wieder auf.
Der Arzt als Gatekeeper
Die ersten Standards of Care gingen von dem Modell aus, das später als Gatekeeper-Modell bezeichnet wurde. Die Patientin oder der Patient konnte sich nicht selbst für eine Behandlung entscheiden; eine Psychologin, ein Psychologe, eine Psychiaterin oder ein Psychiater musste feststellen, dass die Behandlung angezeigt war, und dies schriftlich bestätigen. Für eine Operation waren zwei solcher Stellungnahmen erforderlich. Die Verfasser wollten damit Patienten vor übereilten, unumkehrbaren Eingriffen und Ärzte vor Haftungsansprüchen schützen – in einer Zeit, in der die Behandlung noch umstritten war.
Die späteren Fassungen
Die Leitlinie wurde seitdem siebenmal überarbeitet. Kurz hintereinander erschienen neue Fassungen 1980, 1981 und 1990, danach 1998, 2001, 2011 und 2022. Mit jeder Fassung wurden die Voraussetzungen weniger streng. In Fassung 7 von 2011 entfiel die Bedingung, dass jemand zunächst eine Zeit lang in der gewünschten Rolle leben musste, bevor Hormone verschrieben wurden, und die eigene Entscheidung der Patientin oder des Patienten erhielt mehr Gewicht. Fassung 7 enthielt erstmals auch ausführliche Empfehlungen zu Pubertätsblockern bei Jugendlichen.
Die Debatte über die Studie
Die Studie von Meyer und Reter ist bis heute umstritten. Die Forscher maßen die Funktionsfähigkeit anhand einer Punkteskala, in die unter anderem Arbeit, Beziehungen, Kontakte mit der Justiz und psychiatrische Hilfe einflossen. Kritiker meinen, eine solche Skala sage wenig darüber aus, ob die Patienten selbst zufrieden waren, und die verglichenen Gruppen seien nicht gleichwertig gewesen. Andere Untersuchungen aus dieser Zeit zeigten, dass die meisten operierten Patienten kein Bedauern empfanden. McHugh lehnte die Behandlung weiterhin ab und bezeichnete sie später als Mitwirkung an einer psychischen Störung statt als deren Behandlung. Befürworter und Gegner führen die Vorgänge bei Johns Hopkins noch immer als Beispiel an.
Bedeutung
Der Verband heißt seit 2007 WPATH, und seine Leitlinie hat sich zum weltweiten Maßstab entwickelt; siehe Fassung 8 der Standards of Care. Die Frage, die Meyer und Reter stellten – ob die Behandlung das Leben der Patienten nachweislich verbessert –, steht mehr als vierzig Jahre später erneut im Mittelpunkt.