1955
John Money führt den Begriff der Genderrolle ein

1955 veröffentlichte der Psychologe John Money gemeinsam mit den Psychiatern Joan und John Hampson eine Reihe von Artikeln im Bulletin of the Johns Hopkins Hospital. Darin verwendete er erstmals das Wort Gender in der heute gebräuchlichen Bedeutung. Bis dahin war Gender ein Begriff aus der Sprachwissenschaft. Mehr über ihn steht auf der Seite über John Money.
Forschung an intersexuellen Kindern
Money arbeitete in Baltimore mit Kindern, die mit einem Körper geboren worden waren, der nicht eindeutig männlich oder weiblich war – damals als Hermaphroditismus bezeichnet. Er verglich ihre Chromosomen, Keimdrüsen und Hormone mit dem Geschlecht, in dem sie erzogen wurden. Seine Schlussfolgerung lautete, dass die Erziehung stärker ins Gewicht fiel als die biologischen Merkmale.
Was er unter Genderrolle verstand
Für diesen Unterschied benötigte Money ein neues Wort. Unter Genderrolle verstand er alles, was jemand sagt oder tut und woran sich erkennen lässt, dass die Person ein Junge oder Mann beziehungsweise ein Mädchen oder eine Frau ist. Seiner Ansicht nach war diese Rolle bei der Geburt nicht festgelegt, sondern wurde in den ersten Lebensjahren geformt. Nach etwa dem zweiten Lebensjahr sollte sie nicht mehr veränderbar sein.
Die Folgen für die Praxis
Auf diese Theorie stützten Ärzte jahrzehntelang ihre Behandlung intersexueller Kinder: Sie sollten früh operiert und anschließend ohne Zweifel als Junge oder Mädchen erzogen werden. Die bekannteste Anwendung war der Fall Reimer, der später als gescheitert bekannt wurde.
Wer war John Money?
John Money wurde 1921 in Neuseeland geboren und ging 1947 in die Vereinigten Staaten. 1952 promovierte er an der Harvard University mit einer Dissertation über Hermaphroditismus. Kurz zuvor hatte er an der Johns Hopkins University in Baltimore angefangen, wo er seine gesamte weitere Laufbahn verbrachte. Dort gründete er eine eigene Forschungseinheit zur psychologischen Seite hormoneller Erkrankungen. Money verfasste Dutzende Bücher und Hunderte von Artikeln und war in den 1960er- und 1970er-Jahren der bekannteste Sexualwissenschaftler der Vereinigten Staaten. Er starb 2006.
Von der Sprachwissenschaft zur Medizin
Im Englischen bezeichnete Gender ursprünglich das grammatische Geschlecht von Wörtern. Money übernahm das Wort, weil Sex in seiner Forschung zu viele Bedeutungen gleichzeitig hatte: Chromosomen, Keimdrüsen, Hormone, äußere Geschlechtsmerkmale und das Verhalten einer Person. Mit Gender konnte er Letzteres gesondert benennen. 1968 arbeitete der Psychiater Robert Stoller die Unterscheidung in seinem Buch Sex and Gender aus. In den 1970er-Jahren übernahmen feministische Denkerinnen und Denker den Begriff, darunter die Soziologin Ann Oakley, um zu zeigen, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen teilweise von der Gesellschaft geprägt werden. So gelangte ein Begriff aus einer Kinderklinik in den allgemeinen Sprachgebrauch.
Kritik an der Theorie
Die Vorstellung, dass ein Kind bei der Geburt psychosexuell neutral sei, stieß schon früh auf Widerspruch. Der Biologe Milton Diamond argumentierte 1965, dass Hormone bereits vor der Geburt das Gehirn und das spätere Verhalten mitbestimmen. Money hielt an seiner Auffassung fest, dass die Erziehung in den ersten Lebensjahren den Ausschlag gibt. Später kam auch Kritik von Menschen mit einer intersexuellen Variation selbst: Sie waren als Kinder operiert worden, ohne darüber mitentscheiden zu können, und oft ohne dass man ihnen die Wahrheit gesagt hatte.
Bedeutung
Mit dem Begriff Genderrolle wurde es möglich, über Geschlecht als etwas zu sprechen, das unabhängig vom Körper bestehen kann. In den 1960er-Jahren folgte der Begriff Geschlechtsidentität, unter anderem durch den Psychiater Robert Stoller. Beide Begriffe bilden die Grundlage der späteren Gender-Medizin. Siehe auch die Seiten über die Geschichte von Gender und Gender und biologisches Geschlecht.