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1998

Erste Veröffentlichung zur Pubertätsunterdrückung

Das Gebäude der Poliklinik des VU-medizinischen Zentrums in Amsterdam
Foto: Paul Berendsen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

1998 veröffentlichten Peggy Cohen-Kettenis und Stephanie van Goozen einen Artikel über eine einzige Patientin bzw. einen einzigen Patienten: eine junge Person, deren Pubertät mit Medikamenten unterdrückt worden war, während weitere Behandlungsschritte abgewartet wurden. Es ist die erste wissenschaftliche Beschreibung dessen, was später als Pubertätsunterdrückung bei Geschlechtsdysphorie bezeichnet wurde.

Der erste Fall

Der Artikel erschien in der Zeitschrift European Child & Adolescent Psychiatry unter dem Titel Pubertal delay as an aid in diagnosis and treatment of a transsexual adolescent. Die Autoren schlugen vor, die Pubertät mit einem sogenannten GnRH-Agonisten zu unterdrücken. Dies sollte der jungen Person Zeit zum Nachdenken geben und spätere körperliche Anpassungen erleichtern.

Das Protokoll von 2006

Das vollständige Behandlungsmodell wurde 2006 beschrieben – von der Kinderendokrinologin Henriette Delemarre-van de Waal und Cohen-Kettenis. Darin sind die Schritte festgelegt, die das Dutch Protocol kennzeichnen: Pubertätsblocker ab etwa zwölf Jahren, Geschlechtshormone ab sechzehn Jahren und Operationen ab achtzehn Jahren. Zu den Voraussetzungen gehörten unter anderem eine bereits seit früher Kindheit bestehende Geschlechtsdysphorie, keine schwerwiegenden psychischen Probleme und die Unterstützung der Eltern.

Die Folgestudien

2011 beschrieb die Amsterdamer Gruppe in der ersten Ergebnisstudie siebzig Jugendliche während der Behandlung mit Pubertätsblockern. 2014 folgte eine Studie zu 55 von ihnen als junge Erwachsene nach Hormonbehandlung und Operation. Nach Angaben der Forschenden hatte sich die psychische Funktionsfähigkeit verbessert. Kritiker weisen darauf hin, dass die Gruppe klein und streng ausgewählt war, eine Kontrollgruppe fehlte und die Nachuntersuchung kurz nach der Operation stattfand. Ein britischer Versuch, die Ergebnisse an der Tavistock-Klinik zu wiederholen, zeigte keine Verbesserung des psychischen Wohlbefindens.

Wie Pubertätsblocker wirken

Pubertätsblocker sind GnRH-Agonisten wie Triptorelin. Sie unterbrechen das Signal, mit dem das Gehirn die Keimdrüsen dazu anregt, Testosteron oder Östrogen zu produzieren. Dadurch werden die körperlichen Veränderungen der Pubertät gestoppt. Die Medikamente werden per Injektion verabreicht, meist alle vier oder zwölf Wochen. Sie wurden nicht für diesen Zweck entwickelt: Seit den 1980er-Jahren setzten Ärzte sie bei Kindern mit einer deutlich zu früh einsetzenden Pubertät und bei Erwachsenen unter anderem mit Prostatakrebs ein. Die Anwendung bei Geschlechtsdysphorie erfolgt außerhalb der offiziellen Zulassung des Medikaments.

Die erste Patientin bzw. der erste Patient

Die junge Person aus dem Artikel von 1998 war bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet worden und erhielt ab dem dreizehnten Lebensjahr einen Pubertätsblocker, später gefolgt von Testosteron und Operationen. 2011 veröffentlichte die Amsterdamer Gruppe eine Folgebeschreibung, 22 Jahre nach Beginn der Behandlung. Die inzwischen Mitte dreißigjährige Person war gut im Leben zurechtgekommen und bereute die Behandlung nicht. Es handelt sich um eine der wenigen Beschreibungen des Behandlungsergebnisses über einen so langen Zeitraum, allerdings geht es um eine einzelne Person. Über die Folgen einer jahrelangen Unterdrückung für Knochen, Gehirnentwicklung und Fruchtbarkeit in größeren Gruppen ist noch immer wenig bekannt.

Bedeutung

Das Protokoll wurde in den folgenden Jahren von Kliniken unter anderem in den Vereinigten Staaten, im Vereinigten Königreich und in Skandinavien übernommen und fand Eingang in internationale Leitlinien. Die wissenschaftliche Grundlage bestand lange Zeit vor allem aus den Folgestudien der Amsterdamer Gruppe selbst aus den Jahren 2011 und 2014. Umfang und Qualität dieser Evidenz sind seit 2020 der wichtigste Kritikpunkt.

Quellen