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Hijra

Eine Hijra-Tänzerin blickt aus einer Holzarena in Indien nach oben
Foto: SolomonAsghar, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

„Hijra“ bezeichnet eine soziale Gruppe und eine dritte Geschlechtsrolle in Indien, Pakistan, Bangladesch und Nepal, deren Tradition Jahrhunderte zurückreicht. Hijras sind meist Personen, die als Jungen geboren wurden (AMAB) und in einer femininen Rolle auftreten, teilweise mit religiöser oder zeremonieller Bedeutung. Seit 2014 erkennt Indien „Hijra“ offiziell als drittes Geschlecht an.

Was ist damit gemeint?

Hijra ist kein genaues Synonym für „transgender“: Es handelt sich um eine kulturelle und soziale Rolle mit eigenen Gemeinschaftsstrukturen (den sogenannten Gharanas unter der Leitung eines Gurus), religiösen Funktionen (Segnungen bei Hochzeiten und Geburten) und einer besonderen Sozialgeschichte. Einige Hijras unterziehen sich einer Kastration („Nirvan“), andere nicht. Diese Erfahrung lässt sich ausdrücklich nicht eins zu eins auf westliche Geschlechtskategorien übertragen.

Unterschiede und Überschneidungen

In der heutigen aktivistischen Sprache wird „Hijra“ manchmal als Äquivalent zu „indisch-transgender“ dargestellt, doch das wird der Eigenständigkeit der Tradition nicht gerecht. Vergleichbare dritte Geschlechtsrollen in anderen Regionen sind Kathoey (Thailand), Fa'afafine (Samoa), Muxe (Mexiko) und Two-Spirit (im indigenen Nordamerika).

Gesellschaftlicher und praktischer Kontext

Die rechtliche Anerkennung in Indien (2014, NALSA-Urteil) verlieh Hijras einen offiziellen Status, doch ihre sozioökonomische Lage bleibt prekär: Viele Hijras leben in Armut und haben keinen Zugang zu regulärer Beschäftigung oder Wohnraum. Dieses Muster ist weiter verbreitet und wird unter Trans und Armut behandelt. Die Gemeinschaft verfügt über eine eigene Überlebensökonomie, die teilweise auf traditionellen Segnungsritualen und teilweise auf informeller Arbeit beruht.

Kritische Perspektiven

Die jüngere westliche Gleichsetzung von Hijra mit „nicht-binär“ oder „transgender“ projiziert heutige Kategorien auf eine jahrhundertealte Tradition, die grundlegend anders aussieht. Hijra ist aus sich heraus eine sozial-religiöse Rolle; die Aufnahme in einen transglobalen Kanon der „Geschlechtervielfalt“ kann der Tradition eher schaden als gerecht werden. Wie der Hijra im westlichen Diskurs als Beleg herangezogen wird, wird auch unter Geschlecht und Religion sowie unter Transpersonen in der Geschichte behandelt. Zugleich ist die wirtschaftliche und soziale Prekarität vieler Hijras real.

Quellen

  • Nanda, Serena (1990). Neither Man Nor Woman: The Hijras of India. Wadsworth.
  • Reddy, Gayatri (2005). With Respect to Sex: Negotiating Hijra Identity in South India. University of Chicago Press.
  • National Legal Services Authority v. Union of India (2014). Indian Supreme Court. (NALSA-uitspraak die hijra's erkende als derde gender) Tekst
  • Hossain, Adnan (2017). "The paradox of recognition: hijra, third gender and sexual rights in Bangladesh." Culture, Health & Sexuality, 19(12). DOI