Two-Spirit

„Two-Spirit“ (auch als two spirit oder 2S geschrieben) ist ein englischer Sammelbegriff, den einige indigene Völker Nordamerikas für Personen mit einer besonderen zeremoniellen, sozialen oder spirituellen Rolle in ihrer Gemeinschaft verwenden. Der Begriff ist in spezifischen kulturellen Traditionen verwurzelt und ausdrücklich kein universelles Label für geschlechtliche Vielfalt.
Ursprung und kultureller Kontext
Der Begriff Two-Spirit wurde 1990 in Winnipeg (Kanada) von indigenen Aktivistinnen und Aktivisten als übergreifende englische Bezeichnung für verschiedene indigene Begriffe geprägt, die sich von Volk zu Volk unterschieden. Beispiele sind „winkte“ (Lakota), „hemaneh“ (Cheyenne) und „nadleeh“ (Navajo). Jeder dieser Begriffe hat eine eigene kulturelle Bedeutung — oft verbunden mit Ritualen, handwerklichen Tätigkeiten, Heilkunde oder vermittelnden Rollen —, die nicht vollständig dem entspricht, was „Two-Spirit“ im Allgemeinen suggeriert.
Two-Spirit und westliches Geschlechterdenken
In westlichen LGBTQ+-Kontexten wird Two-Spirit manchmal als „historischer Beweis“ dafür angeführt, dass geschlechtliche Vielfalt universell und jahrhundertealt sei. Viele indigene Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Aktivistinnen und Aktivisten wenden sich gegen diese Darstellung. Ihre Einwände lassen sich im Wesentlichen so zusammenfassen: Two-Spirit ist kein Identitätslabel wie der westliche Begriff „nicht-binär“, sondern eine Rolle innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft.
Gleichzeitig wird Two-Spirit manchmal fälschlicherweise verwendet, um zu suggerieren, dass traditionelle Gesellschaften „mehr als zwei Geschlechter“ kannten. Anthropologisch ist das ungenau: Auch in diesen Kulturen wurde zwischen Männern und Frauen unterschieden, und die Rollen, die mit Two-Spirit verbunden sind, bezogen sich häufig auf die Funktion innerhalb der Gemeinschaft und nicht auf eine eigenständige biologische Kategorie.
Vergleichbare kulturelle Rollen in anderen Regionen
Two-Spirit steht nicht allein. Auch in anderen Teilen der Welt gibt es kulturspezifische Rollen, die außerhalb des westlichen Identitätsrahmens liegen: Hijra in Südasien, Kathoey in Thailand, Fa'afafine in Samoa, Muxe in Mexiko, X-Gender in Japan und Travesti in Lateinamerika. Jede dieser Rollen hat einen eigenen Ursprung und eine eigene soziale Funktion; sie sind nicht austauschbar und lassen sich nicht zu einer universellen Kategorie zusammenfassen.
Respektvoller Gebrauch
Viele indigene Two-Spirit-Organisationen raten nicht-indigenen Personen ausdrücklich davon ab, den Begriff auf sich selbst anzuwenden. Das Label ist kulturspezifisch; seine Verwendung außerhalb dieses Kontexts wird von Betroffenen häufig als kulturelle Aneignung empfunden. Wer westliche Geschlechterbegriffe sucht, um die eigene Erfahrung zu beschreiben, sollte daher besser auf diese westlichen Begriffe zurückgreifen, anstatt einen indigenen Begriff zu übernehmen.
Siehe auch
Quellen
- Driskill, Q.L. et al. (2011). Queer Indigenous Studies: Critical Interventions in Theory, Politics, and Literature. University of Arizona Press.
- Roscoe, Will (1998). Changing Ones: Third and Fourth Genders in Native North America. St. Martin's Press.
- Jacobs, S.E., Thomas, W., Lang, S. (1997). Two-Spirit People: Native American Gender Identity, Sexuality, and Spirituality. University of Illinois Press.
- Robinson, Margaret (2020). "Two-Spirit identity in a time of gender fluidity." Journal of Homosexuality, 67(12). DOI